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„Den Tumor entschieden bekämpfen, Hirnfunktionen bestmöglich schützen“

Diagnose HirntumorExpert*innen des Klinikums Stuttgart informierten zur Behandlung des Glioblastoms

Bereits zum zweiten Mal widmete sich ein bundesweiter Aktionstag einer besonders aggressiven Art des Hirntumors, dem Glioblastom. Die Weltgesundheitsorganisation WHO ordnet das Glioblastom in den höchsten Schweregrad der Hirntumoren ein, vor allem wegen seines besonders schnellen Wachstums. 

 

Entsprechend zeitnah und konsequent setzt nach der Diagnose die Behandlung der Erkrankung ein. Wie ein Glioblastom diagnostiziert wird, welche Behandlungsmöglichkeiten heute zur Verfügung stehen und wie Betroffene mit der Belastung durch die Erkrankung umgehen können, dazu informierten Expert*innen des Zentrums für Neuroonkologische Tumoren des Klinikums Stuttgart am Lesertelefon. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

 

Was sind Warnzeichen für ein Glioblastom?

Dr. med. Minou Nadji-Ohl: Es gibt keine speziellen Warnzeichen für ein Glioblastom. In etwa sieben von zehn Fällen ist das erste Symptom bei einem hirneigenen Tumor ein erstmalig erlittener Krampfanfall. Je nach Lokalisation des Tumors können zudem neurologische Symptome wie Lähmungen, Gefühls- und Sehstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auftreten. Erst bei sehr großen Tumoren oder bei Hirnwasser-Abflussstörungen kommt es zu einer Hirndruckerhöhung, die zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen kann.

 

Wer stellt die Diagnose – und wie läuft diese ab?

Dr. med. Minou Nadji-Ohl: Bei Verdacht auf das Vorliegen eines Hirntumors ist die Kernspintomographie (MRT) die Untersuchung der ersten Wahl. Bei manchen Patienten kann jedoch keine MRT Untersuchung durchgeführt werden, weil sie zum Beispiel Träger eines nicht MRT-tauglichen Herzschrittmachers sind. Dann sollte eine Computertomographie durchgeführt werden. Bei beiden Verfahren ist eine zusätzliche Untersuchung mit Kontrastmittel erforderlich.

 

Wie geht es nach der Diagnose weiter?

Dr. med. Christian Esch: Nach Stellung der Diagnose wird Ihr Fall in einer Tumorkonferenz vorgestellt, die wöchentlich stattfindet. An ihr nehmen Vertreter aller Disziplinen teil, um gemeinsam die am besten geeignete Therapie zu empfehlen. Hierbei orientieren wir uns grundsätzlich an den Therapieleitlinien unserer Fachgesellschaften und berücksichtigen zusätzlich die individuellen Besonderheiten jedes Patienten. Das Therapiespektrum beinhaltet die Operation, die Strahlentherapie und systemische Therapien, zu denen auch, aber nicht nur die Chemotherapie zählt. Typischerweise ist eine Kombination dieser Methoden sinnvoll – wir sprechen hier von einer interdisziplinären Behandlung.

 

Was versteht man unter einer interdisziplinären Behandlung?

Dr. med. Christian Esch: Die Behandlung von Tumorerkrankungen ist mittlerweile so komplex, dass keine medizinische Fachdisziplin sie alleine bewältigen kann. Heute ist es üblich, dass von Anfang an Vertreter aller beteiligten Fachdisziplinen zusammen ihre Expertise in den Tumorkonferenzen einbringen. Beispielhaft kann der Ablauf in etwa so aussehen: Ein Neuroradiologe demonstriert aktuelle Schnittbilder eines Tumors, eine Neuropathologin schildert, welche Art Tumor vorliegt, wobei sie sich auf die Untersuchung des Tumorgewebes bezieht, das ein Neurochirurg zuvor operativ entfernt hat.

 

Welche Risiken birgt die Operation?

Dr. med. Minou Nadji-Ohl: Neben allgemeinen Risiken, die jede Operation mit sich bringt, können je nach Lokalisation des Tumors spezifische Komplikationen auftreten. Ist etwa die motorische Hirnregion betroffen, kann eine Lähmung nach der Operation an Intensität zunehmen. In der Neurochirurgie lautet das oberste Gebot heute deshalb „Funktionserhaltende Resektion“: eine möglichst komplette Tumorentfernung bei gleichzeitiger Schonung funktionell wichtiger Strukturen des Gehirns. Vorbereitend können dazu spezielle Untersuchungen wie ein funktionelles MRT oder eine transkranielle Magnetstimulation erforderlich sein. Für den Chirurgen sind diese Informationen Grundlage eines individuellen Operationsplans. Auch während der Operation stehen Instrumente wie die Neuronavigation oder die intraoperative Stimulation bestimmter Hirnareale sowie ein 3-D-Ultraschallgerät zu Verfügung, um jederzeit ein genaues Bild von der Lokalisation und dem Grad der Resektion zu erhalten.

 

Wann beginnen Strahlen- und Chemotherapie?

Dr. med. Stephan Baumbach: Die Strahlenchemotherapie beginnt im Normalfall etwa drei Wochen nach der Operation. Zunächst muss die Operationswunde vollständig verheilt sein. Wichtig ist vor allem das Ergebnis der feingeweblichen Untersuchung des Tumors durch den Pathologen. Dies kann einige Zeit in Anspruch nehmen, weil komplizierte molekularpathologische Untersuchungen erfolgen. Vor Beginn der Therapie muss unbedingt die genaue histologische und molekularpathologische Einordnung des Tumors vorliegen, damit die Strahlendosis und die Art der Chemotherapie präzise darauf abgestimmt werden können.

 

Was passiert bei der Strahlen- und Chemotherapie??

Dr. med. Stephan Baumbach: Sowohl die Strahlentherapie als auch die Chemotherapie zerstören Tumorzellen. Dabei wirkt eine Kombination von Strahlen- und Chemotherapie noch besser. Gesunde Körperzellen können Schäden, welche durch die Strahlenchemotherapie im Zellkern verursacht werden, reparieren. Tumorzellen jedoch können entstandene Schäden schlechter reparieren und sterben im Laufe der Behandlung ab. Während der Strahlentherapie kommt es häufig zu einer gewissen Müdigkeit und Abgeschlagenheit sowie zu Haarausfall im Bestrahlungsfeld. Die Chemotherapie führt oft zu leichter Übelkeit, die aber gut behandelbar ist. Weil zudem Veränderungen im Blutbild auftreten können, wird es wöchentlich kontrolliert, um bei schlechten Werten die Chemotherapie bei Bedarf zu unterbrechen.

 

Wie lange werde ich in der Klinik bleiben müssen?

Dr. med. Stephan Baumbach: Im Normalfall dauert die Strahlentherapie drei bis sechs Wochen und kann oftmals ambulant durchgeführt werden. Falls eine zusätzliche Chemotherapie in Tablettenform gegeben wird, erfolgt im Normalfall eine stationäre Krankenhausaufnahme nur für wenige Tage zur Einleitung der Therapie. Bei stationärem Aufenthalt können Nebenwirkungen insbesondere der Chemotherapie besser erkannt und behandelt werden. Im Rahmen der ambulanten Strahlentherapie werden regelmäßig Arztgespräche und Blutabnahmen durchgeführt sowie bei Bedarf die Medikation angepasst.

 

Wann kommen TTFields zum Einsatz – und wie funktioniert das Verfahren?

Dr. med. Minou Nadji-Ohl: Als Erstlinientherapie des Glioblastoms hat sich die möglichst vollständige Entfernung des Tumors, gefolgt von einer Radiochemotherapie und einer anschließenden Erhaltungschemotherapie etabliert. TTFields – Tumortherapiefelder – sind eine zusätzliche, anerkannte Behandlungsform, bei der schwache elektromagnetische Wechselfelder über äußere Elektroden auf den erkranken Bereich gerichtet werden. So soll die Zellteilung der Tumorzellen und damit das Tumorwachstum gehemmt werden. Studien zeigen eine signifikante Erhöhung der Überlebensdauer gegenüber der alleinigen Chemotherapie. TTFields wird nach Abschluss der Strahlentherapie begleitend zu Erhaltungschemotherapie eingesetzt.

 

Wie wird mein Alltag während und nach der Therapie aussehen?

Dr. med. Christian Esch: In den Fällen, in denen eine Operation durchgeführt wird, ist ein mehrtägiger stationärer Aufenthalt im Krankenhaus nötig. Auch eine Strahlentherapie, oft in Kombination mit einer Chemotherapie, wird in der Regel im Krankenhaus durchgeführt. Wenn im Anschluss an Operation und kombinierte Radio-/Chemotherapie eine zusätzliche – sogenannte adjuvante – Chemotherapie erfolgen soll, ist dies zu Hause möglich. In diesem Fall erhalten unsere Patienten eine explizite Aufklärung, wie die Tabletten einzunehmen sind. Sowohl während als auch nach Abschluss der Therapie sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen unentbehrlich. In der Regel beinhalten diese eine dreimonatliche Magnetresonanztomographie des Schädels.

 

Wie sieht die Behandlung aus, wenn der Tumor zurückkommt?

Dr. med. Christian Esch: Beim Verdacht auf ein sogenanntes Tumorrezidiv wird eine aktuelle Magnetresonanztomographie des Schädels durchgeführt und der Fall des Patienten erneut in der Tumorkonferenz besprochen. Grundsätzlich kommen dieselben Therapiemaßnahmen wie bei der Erstdiagnose infrage. Allerdings kann beispielsweise ein Tumor, der kürzlich erst bestrahlt wurde, nicht wieder nach wenigen Monaten an derselben Stelle bestrahlt werden, weil das zu gefährlich wäre. Außerdem muss manchmal eine Chemotherapie durch eine andere ersetzt werden, wenn der Tumor wächst, obwohl die erste Chemotherapie gerade eingenommen wird.

 

Welche Unterstützung bekommen Patient*innen und Angehörige bei der Bewältigung ihrer Situation?

Dr. med. Stephan Baumbach: Im Klinikum Stuttgart gibt es für alle neuroonkologischen Patienten speziell ausgebildete Patientenlots*innen. Diese sind Ansprechpartner für Patient*innen und Angehörige während der gesamten Behandlungszeit, organisieren Termine oder helfen bei Fragen weiter. Auch im Rahmen der interdisziplinären neuroonkologischen Sprechstunde, bei der Neurochirurgie, Onkologie und Radioonkologie gemeinsam vertreten sind, können Fragen beantwortet werden. Für alle Patienten*innen gibt es weiterhin die Möglichkeit einer psychoonkologischen Behandlung. Zudem bieten wir Kunst-, Musik oder Ernährungstherapie an. Nach der Therapie ist eine Anschlussheilbehandlung vorgesehen.

 

Die Expert*innen des Klinikums Stuttgart am Lesertelefon waren:

 

  • Dr. med. Minou Nadji-Ohl: Fachärztin für Neurochirurgie, Leitende Oberärztin Zertifiziertes Zentrum für Neuroonkologische Tumoren, Katharinenhospital, Klinikum Stuttgart
  • Dr. med. Stephan Baumbach: Facharzt für Strahlentherapie, Oberarzt der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Klinikum Stuttgart
  • Dr. med. Christian Esch: Facharzt für Innere Medizin, Klinik für Hämatologie, Onkologie, Stammzelltransplantation und Palliativmedizin, Klinikum Stuttgart

 

Weitere Informationen

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Quelle: sprechzeit, Foto: sudok1 | AdobeStock


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