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„Cholesterin schon in jüngeren Jahren messen lassen“

cholesterinExpert*innen der DGFF (Lipid-Liga) informierten am Lesertelefon

Nach wie vor zählen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie ein Herzinfarkt und Schlaganfall zu den häufigsten Todesursachen. Allein hierzulande sterben jedes Jahr mehr als 350.000 Menschen daran [1]. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem erhöhte Blutfettwerte, oft unter dem Begriff Cholesterinwerte zusammengefasst.

 

Doch es geht vor allem um einen Cholesterinwert: das LDL-Cholesterin. Ist er dauerhaft zu hoch, können sich Ablagerungen in den Blutgefäßen bilden – der Beginn einer gefährlichen Gefäßverengung. Was Cholesterinwerte aussagen, wann sie als bedenklich gelten und wie man zu hohe Werte senken kann, dazu informierten Expert*innen der DGFF [2] (Lipid-Liga) in der Sprechzeit. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

 

Welche Grenzwerte gelten für LDL-Cholesterin und wie kann ich die Einhaltung überprüfen?

Prof. Dr. med. Oliver Weingärtner: Bei einem gesunden Menschen ohne Risikofaktoren für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung sollte das LDL-Cholesterin im Blut unter 116 mg/dl (bzw. 3 mmol/l) liegen. Für alle anderen lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten. Ärzt*innen ermitteln immer ein Gesamtrisikoprofil eines Menschen. Dabei werden unter anderem die Familiengeschichte, das Alter, der Lebensstil, das Körpergewicht, andere Blutfettwerte und Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder eine chronische Nierenerkrankung berücksichtigt. Bei der Bewertung des gemessenen LDL-Cholesterins und der Entscheidung, auf welchen Zielwert es bei Bedarf gesenkt werden muss, geben die Leitlinien europäischer Fachgesellschaften Orientierung.

 

Können zu hohe Blutfettwerte erblich bedingt sein?

Prof. Dr. med. Peter Grützmacher: Ja, deshalb fragen Ärztinnen und Ärzte bei erhöhten LDL-Cholesterinwerten, ob es Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Verwandten ersten Grades, also Eltern oder Geschwistern in jüngeren Jahren – beispielsweise vor dem 60. Lebensjahr – gab. Werden bei Eltern erhöhte Werte festgestellt, sollten auch bei ihren Kindern die Blutfettwerte gemessen werden. Je früher man ein Risiko erkennt und durch einen gesunden Lebensstil oder bei Bedarf durch Medikamente senkt, desto größer sind die Chancen, dass Herz, Kreislauf und Blutgefäße gesund bleiben.

 

Ab welchem Alter sollte ich meine Blutfettwerte überprüfen lassen?

Prof. Dr. med. Volker Schettler: So früh wie möglich, denn je früher eine Fettstoffwechselstörung entdeckt und behandelt wird, desto weniger sogenannte Cholesterinjahre muten Sie Ihren Blutgefäßen zu. Der Begriff bezeichnet die Zeitspanne, die man mit einem erhöhten LDL-Cholesterinwert lebt. Je länger, desto größer das Risiko, dass sich eine Atherosklerose entwickelt, also Ablagerungen in den Blutgefäßwänden bilden. Erwachsene haben zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr einmalig Anspruch auf eine ärztliche Gesundheitsuntersuchung mit Bestimmung der Blutfettwerte, ab dem 35. Lebensjahr dann alle drei Jahre beim „Check-up 35“. Besser wäre aber, sie schon früher messen zu lassen.

 

An welchen Arzt oder Ärztin wende ich mich, um meine Blutfettwerte überprüfen zu lassen?

Prof. Dr. med. Ulrich Julius: Ihre Blutfettwerte können Sie bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt messen lassen. Wichtig ist, dass wenigstens einmal im Leben auch der Wert von Lipoprotein(a) – kurz Lp(a) – gemessen wird. Eine einmalige Messung genügt, da dieser Wert erblich bedingt ist und sich im Laufe des Lebens nicht wesentlich verändert. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Routineuntersuchung. Man muss beim Arztbesuch danach fragen und die Laborkosten meist selbst bezahlen. Da ein erhöhter Lp(a)-Wert ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, sollte Ihnen die Sicherheit den Preis wert sein.

 

Was bedeutet der Wert für Lipoprotein(a)?

Prof. Dr. med. Volker Schettler: Bei erhöhten Lp(a)-Werten ab 30 mg/dl (bzw. 75 nmol/l) steigt das Risiko für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall und für Durchblutungsstörungen in den Beinen. Lp(a)-Werte lassen sich durch den Lebensstil nicht beeinflussen und eine Behandlung mit Medikamenten ist nur sehr eingeschränkt möglich. Daher lautet die Empfehlung der DGFF (Lipid-Liga) bei erhöhtem Lp(a): Keinesfalls rauchen und weitere vorhandene Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen minimieren.

 

Ist die Überprüfung von Blutfettwerten Teil des regelmäßigen Gesundheits-Checks?

Prof. Dr. med. Ulrich Julius: In der ärztlichen Gesundheitsuntersuchung, auf die Versicherte zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr einmalig Anspruch haben, und dem „Check-up 35“ alle drei Jahre ab dem 35. Lebensjahr ist die Bestimmung von Blutfettwerten enthalten. Ausnahme ist der Lp(a)-Wert, dessen Bestimmung Sie anfragen und in der Regel auch selbst zahlen müssen. Leider werden bei den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche keine Blutfettwerte gemessen, obwohl das aus Sicht der DGFF (Lipid-Liga) wichtig wäre.

 

Wann reichen Ernährungsumstellung und Bewegung zur Cholesterinsenkung aus – wann sind Medikamente notwendig?

Dr. med. Anja Vogt: Eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn und Obst, wenig Zucker und wenig Fett aus tierischen Lebensmitteln ist für alle Menschen wichtig – egal wie hoch die Blutfettwerte sind. Und natürlich gehört zu einem gesunden Lebensstil aktive Bewegung, der Verzicht aufs Rauchen sowie Alkohol in Maßen. Ob diese Maßnahmen ausreichen, um Blutfettwerte ausreichend zu senken oder ob zusätzlich Medikamente zu empfehlen sind, hängt vom individuellen Gesamtrisiko ab, das von Ihrer Ärztin/ Ihrem Arzt ermittelt wird. Bei Menschen mit schwerwiegenden Fettstoffwechselstörungen, wenn es schon Ablagerungen in den Blutgefäßen gibt, ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall bereits aufgetreten sind, sind Medikamente in jedem Fall notwendig.

 

Welche Medikamente zur Senkung erhöhter LDL-Cholesterinwerte gibt es und wie wirken sie?

Prof. Dr. med. Oliver Weingärtner: Es gibt heute viele hochwirksame und sehr gut verträgliche Medikamente, um LDL-Cholesterin zu senken. Die Therapie basiert auf dem Einsatz von Statinen, die die körpereigene Cholesterinsynthese hemmen. Dieselbe Wirkung entfaltet Bempedoinsäure. Zusätzlich gibt es den Arzneistoff Ezetimib, der die Cholesterinaufnahme im Darm hemmt, sowie Ionenaustauscher, die ebenfalls im Darm cholesterinreiche Gallensäuren binden. Kann der individuelle LDL-Cholesterin-Zielwert durch diese Medikamente nicht erreicht werden, stehen sogenannte PCSK9-Hemmer, die gegen ein Protein wirken, das den Cholesterinrezeptor abbaut, sowie die Lipoprotein-Apherese – eine Blutwäsche – zur Verfügung.

 

Welche Nebenwirkungen können Cholesterinsenker haben?

Prof. Dr. med. Peter Grützmacher: Die heute verfügbaren Medikamente und Therapien zur Cholesterinsenkung sind allesamt gut verträglich. In Einzelfällen kann es zu Nebenwirkungen kommen, dauerhafte Schäden aber sind extrem selten. Sollte eine Nebenwirkung auftreten, informieren Sie unbedingt Ihre Ärztin/Ihren Arzt. In der Regel sind Beschwerden rasch rückläufig, wenn die Therapie angepasst wird. In jedem Fall ist es wichtig, die verordneten Medikamente konsequent in der verschriebenen Dosis einzunehmen, damit die LDL-Cholesterin-Zielwerte dauerhaft erreicht werden.

 

Worauf kommt es bei der Ernährung an, wenn ich die Werte senken will?

Dr. med. Anja Vogt: Generell sollte die Kalorienzufuhr den individuellen Kalorienverbrauch nicht überschreiten. Übergewicht sollte durch angepasste Kalorienzufuhr und viel Bewegung reduziert werden. Konkret gilt für die Ernährung: Viel Gemüse, Salat, Hülsenfrüchte, Vollkorn und ballaststoffreiches Obst wie Äpfel sowie fettreichen Seefisch wie Lachs, Hering und Makrele. Wenig Fett aus Lebensmitteln wie Wurst, Käse und Fleisch, dafür maßvoll Pflanzenöle wie Oliven-, Lein- und Walnussöl. Seien Sie zugleich sparsam mit Zucker – auch aus Getränken wie Limonade. Wenig Fett und Zucker sowie Alkoholverzicht sind bei erhöhten Triglyzerid-Werten besonders wichtig. Herzgesund sind außerdem viel Bewegung und vor allem der Verzicht aufs Rauchen.

 

Was sind Transfette und was bedeuten sie für den Cholesterinspiegel?

Prof. Dr. med. Volker Schettler: Trans-Fettsäuren sind natürlicherweise in Milch und Milchprodukten von Kühen, Ziegen und Schafen enthalten. Sie entstehen bei der Teilhärtung pflanzlicher Öle zu Back- und Streichfetten. Sie können den LDL-Cholesterinspiegel erhöhen und ab einer Zufuhr von etwa vier Prozent der Gesamtenergie das Atherosklerose-Risiko steigern. In Deutschland jedoch hat die Lebensmittelindustrie den Trans-Fettsäure-Gehalt ihrer Produkte so stark reduziert, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Entwarnung gibt: Die mittlere Aufnahme liegt hierzulande deutlich unter einem Prozent der Gesamtenergie – dem Wert, der von Ernährungsgesellschaften als gesundheitlich unbedenklich angesehen wird.

 

Wenn ich Cholesterinsenker nehme: Wann sinkt der LDL-Cholesterinwert, wie lange hält das an und was passiert nach dem Absetzen?

Prof. Dr. med. Ulrich Julius: Alle verfügbaren Cholesterinsenker führen nach etwa vier Wochen zu einer Senkung von LDL-Cholesterin. Der optimale Effekt ist meist nach zwölf Wochen erreicht, danach bleiben die LDL-Cholesterinwerte in aller Regel konstant abgesenkt – vorausgesetzt, die Medikamente werden wie verordnet regelmäßig eingenommen oder gespritzt. Nach dem Absetzen der Medikamente ist nach etwa zwei Wochen mit einem deutlichen Wiederanstieg zu rechnen.

 

Muss ich Cholesterinsenker lebenslang einnehmen?

Prof. Dr. med. Oliver Weingärtner: In der Regel müssen die verordneten Medikamente regelmäßig lebenslang eingenommen beziehungsweise Therapien durchgeführt werden. Eine dauerhafte Korrektur der LDL-Cholesterinwerte durch eine kurzfristige Einnahme oder Maßnahme ist nicht möglich.

 

Was bedeutet es, wenn der HDL-Wert zu niedrig ist?

Prof. Dr. med. Peter Grützmacher: HDL – Lipoproteine hoher Dichte – nehmen Cholesterin auf und transportieren es zur Leber. Das gilt auch für Cholesterin, das bereits in Blutgefäßwänden abgelagert ist. Deshalb werden HDL oftmals als „gutes“ Cholesterin bezeichnet. Liegt der HDL-Wert bei Frauen unter 45 mg/dl (bzw. unter 1,2 mmol/l) und bei Männern unter 40 mg/dl (bzw. unter 1 mmol/l), ist dieser positive Effekt wahrscheinlich geringer. Obwohl bei einem hohen HDL-Wert ein geringeres Risiko für Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beobachtet wurde, bedeutet eine Anhebung des HDL mit Medikamenten keinen Nutzen. Auch extrem hohe HDL-Cholesterinwerte entfalten keine Schutzfunktion.

 

Was sagen Triglyzerid-Werte aus?

Dr. med. Anja Vogt: Als „normal“ gelten Triglyzerid-Werte bis 150 mg/dl (bzw. 1,7 mmol/l). Dann sind die Zufuhr über die Nahrung, die Bildung von Triglyzeriden in der Leber und ihr Verbrauch, zum Beispiel in den Muskeln, im Gleichgewicht. Ist diese Balance durch eine nicht ausgewogene Ernährung oder einen Mangel an Bewegung gestört, steigen die Blutwerte. Ein Anstieg kann aber auch Folge einer erblich bedingten Fettstoffwechselstörung sein. Erhöhte Triglyzerid-Werte steigern das Herzinfarktrisiko, zudem kann es bei sehr hohen Werten (über 1.000 mg/dl bzw. 11,3 mmol/l) zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse kommen.

 

  • Prof. Dr. med. Peter Grützmacher: Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, Leiter des Agaplesion Medizinischen Versorgungszentrums Frankfurt
  • Prof. Dr. med. Ulrich Julius: Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie; Bereich Lipidologie und Lipoproteinapherese-Zentrum, Medizinische Klinik und Poliklinik III am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden
  • Prof. Dr. med. Volker Schettler: Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, Nephrologisches Zentrum Göttingen
  • Dr. med. Anja Vogt: Fachärztin für Innere Medizin und Leiterin der Stoffwechselambulanz und Lipoproteinapherese des Klinikums Innenstadt der Ludwig Maximilians Universität München
  • Prof. Dr. med. Oliver Weingärtner: Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin, Leiter der Lipid-Ambulanz der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Jena

 

 

Weitere Informationen unter www.lipid-liga.de

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[1] https://www.lipid-liga.de/informationen/patienten/bedeutung-des-cholesterins, Seitenabruf 26.5.2021

[2] Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF (Lipid-Liga) e. V.

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Quelle: sprechzeit, Foto: clipdealer.com


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