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„Wer die Symptome erkennt, kann gezielt den Arzt fragen“

Mitten im Leben und dauernd Rückenschmerzen

Expertenrat zu entzündlichen Rückenschmerzen

Andauernd Rückenschmerzen – für Betroffene kann das Leben damit zur Qual werden. Oftmals gleicht die Suche nach den Ursachen einem Geduldsspiel, zum Beispiel, wenn sich hinter den Schmerzen eine Entzündungserkrankung verbirgt. Nicht selten vergehen Jahre, bis die Diagnose einer axialen Spondyloarthritis, kurz axiale SpA, gestellt wird und die entsprechende Behandlung beginnen kann. Anlässlich einer europaweiten Initiative informierten Fachärzte am Lesertelefon zu den Anzeichen, der Diagnose und Behandlung entzündlicher Rückenerkrankungen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen.

Ab welcher Dauer der Beschwerden spricht man eigentlich von chronischen Rückenschmerzen?
Dr. Uwe Schwokowski: Wenn Rückenschmerzen regelmäßig seit mindestens drei Monaten bestehen, sprechen wir von einem chronischen Rückenschmerz.

 

Mein Sohn klagt seit einem halben Jahr über Rückenschmerzen, war aber noch nicht beim Arzt. Wie sollte er am besten vorgehen?
Dr. Schwokowski: Bei der Dauer der Beschwerden handelt es sich auf jeden Fall um einen chronischen Rückenschmerz, der eine Vielzahl von Ursachen haben kann. Ich empfehle Ihrem Sohn den Besuch eines Facharztes für Orthopädie, der entscheiden kann, ob es sich um einen entzündlichen oder einen nicht-entzündlichen Rückenschmerz handelt. Liegt eine entzündliche Ursache vor, sollte ein Rheumatologe hinzugezogen werden. Statistisch betrachtet besteht eine rund fünfprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es sich um die Vorstufe eines Morbus Bechterew handelt.

 

Ich bin 27 Jahre alt, sportlich aktiv und habe seit zwei Jahren tief sitzende Rückenschmerzen. Auf dem Röntgenbild war alles unauffällig. Kann ich trotzdem von einer axialen SpA betroffen sein?
Dr. Schwokowski: Ja, das ist durchaus möglich, insbesondere wenn die Rückenschmerzen vermehrt in der zweiten Nachthälfte auftreten, sich bei Bewegung bessern, bei Ruhe hingegen intensiver sind. Tief sitzende Schmerzen sind bei einer entzündlichen Ursache typisch, ebenso kommt es vor, dass der Röntgenbefund noch unauffällig ist.

 

Gibt es noch andere Anzeichen für eine entzündliche Rückenerkrankung?
Dr. Xenofon Baraliakos: Vor allem Entzündungen einzelner Gelenke wie Hüftgelenk oder Schultergelenk können Anzeichen für eine entzündliche Ursache von Rückenschmerzen sein. Aber auch Fersenschmerzen, Schmerzen über dem Brustbein oder Augenentzündungen können als zusätzliche Symptome auftreten.

 

Wie wird die Erkrankung behandelt?
Dr. Baraliakos: Ist die Diagnose einer axialen SpA gestellt, erhält der Patient eine medikamentöse Therapie gegen Schmerzen und Entzündungen und gleichzeitig eine physiotherapeutische Mitbetreuung und Hinweise, wie er auch zu Hause selbstständig Übungen ausführen kann. Es ist wichtig, dass beide Therapien parallel erfolgen, denn sie verstärken sich wechselseitig: Wenn ich durch ein Medikament meine Schmerzen lindere, kann ich mehr in der Physiotherapie leisten. Leiste ich wiederum mehr in der Physiotherapie, kann ich meine Beweglichkeit optimieren und Schmerzen verringern. Sollte sich keine oder nur eine geringfügige Besserung einstellen, kann im nächsten Schritt auf eine Therapie mit sogenannten Biologika umgestellt werden. Diese werden auch TNF-Blocker genannt, weil sie in die Immunabwehr des Körpers eingreifen und einen entzündungsfördernden Botenstoff blockieren.

 

Ich hatte schon häufiger Rückenschmerzen, aber die gingen immer weg, wenn ich mich geschont habe. Diesmal nicht – und das schon seit fast einem halben Jahr. Können das die ersten Anzeichen für diese Erkrankung sein?
Dr. Baraliakos: Bei Ihrer Vorgeschichte würde ich eher an eine degenerative Ursache der Rückenschmerzen denken. Der jetzige Verlauf spricht unter Umständen für eine Verschlimmerung, bei der selbst eine Schonung keine Besserung mehr bringt. Suchen Sie deshalb unbedingt einen Facharzt auf!

 

Mein Rückenschmerz sitzt im hinteren Beckenbereich und strahlt in Richtung Oberschenkel aus. Kann eine Entzündung die Ursache sein?
Dr. Baraliakos: Entzündliche Rückenschmerzen sind in der Regel im Bereich des unteren Rückens lokalisiert und strahlen nicht ins Bein aus. In Ihrem Fall würde ich eher nach einer degenerativen Ursache suchen, zum Beispiel einem Bandscheibenvorfall. In jedem Fall sollten Sie einen Facharzt aufsuchen und ihre Beschwerden genau schildern.

 

Es dauert morgens nach dem Aufstehen fast eine Stunde, bis ich mich wieder einigermaßen gut bewegen kann. Und das, obwohl ich regelmäßig Rückengymnastik mache. Habe ich entzündlich bedingten Rückenschmerz?
Dr. Schwokowski: Vermutlich nein, denn für den entzündlichen Rückenschmerz ist es symptomatisch, dass er in der zweiten Nachthälfte auftritt und durch das Aufstehen besser wird. Der Grund für Ihre Beschwerden kann banal sein, etwa eine ungeeignete Matratze, aber Sie sollten die Ursache auf jeden Fall ärztlich abklären lassen. Vorsichtshalber können Sie den Symptom-Check unter www.check-symptome.de machen.

 

Ich wache oft nachts vor Schmerzen auf und komme morgens nur schwer aus dem Bett, weil mein Rücken so weh tut…
Ludwig Hammel: Als erster Schritt kann Ihnen der Symptom-Check unter www.derkrankheitaufrechtbegegnen.de. helfen, um die Ursache Ihrer Beschwerden einzugrenzen. Auf jeden Fall sollten Sie aber einen Arzttermin vereinbaren, um den Ursachen genau auf den Grund zu gehen. Denn die Beschwerden, die Sie schildern, könnten zum Beispiel auch ganz einfach auf eine ungeeignete Matratze zurückzuführen sein.

 

Ich habe wegen meiner Rückenschmerzen einen Arzttermin vereinbart. Wie bereite ich mich am besten darauf vor?
Ludwig Hammel: Als hilfreich hat sich erwiesen, einen strukturierten Vorbereitungsbogen zu verwenden, der alle relevanten Punkte umfasst, die für eine Anamnese und Diagnosestellung wichtig sind. Einen solchen Vorbereitungsbogen finden Sie auf der Website www.bechterew.de unter „Aktuelles“.

 

Mein Vater ist an Morbus Bechterew erkrankt – habe ich jetzt ein höheres Risiko für eine axiale SpA? Und wenn ja: Kann ich vorbeugen?
Dr. Baraliakos: Grundsätzlich beträgt das Risiko, ebenfalls an Morbus Bechterew zu erkranken, bei einem Verwandten ersten Grades etwa acht Prozent. Bei Verwanden zweiten oder dritten Grades liegt es bei unter einem Prozent. Weist ein Verwandter ersten Grades bei einem entsprechenden Bluttest das genetische Merkmal HLA-B27 auf, erhöht sich das Risiko auf etwa zwölf Prozent. Das Risiko bei HLA-B27-negativen Verwandten liegt bei unter einem Prozent. Allerdings bedeutet der Nachweis von HLA-B27 nicht, dass jemand auch tatsächlich einen Morbus Bechterew entwickelt. Vorbeugen können Sie der Erkrankung nicht, da es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt. Aber Sie können den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen.

 

Ich habe seit kurzem die Diagnose Morbus Bechterew. Wie wird sich mein Leben verändern?
Ludwig Hammel: Das lässt sich kaum voraussagen, weil die Krankheit bei jedem Patienten unterschiedlich verläuft. Die gute Nachricht ist: Der Krankheitsverlauf lässt sich heute durch Therapie und Medikation maßgeblich beeinflussen. Dazu können Sie selbst etwas ganz Wichtiges beitragen: Lernen Sie, die Krankheit genau zu verstehen – dann können Sie auch gut gegen sie ankämpfen!

 

Meine Frau ist möglicherweise betroffen. Wo finde ich detaillierte Informationen?
Ludwig Hammel: Im Internet finden Sie unter www.derkrankheitaufrechtbegegnen.de unter anderem den Link zum Angebot der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew. Dort haben wir umfassende Informationen für Betroffene und Angehörige zusammengestellt. Unter der Rufnummer 09721-22033 können Sie sich von 8.00 bis 16.30 Uhr zum Ortstarif persönlich beraten lassen, an jedem ersten Montag im Monat auch von 17.00 bis 19.00 Uhr. Speziell für Betroffene und ihre Partner bieten wir regelmäßig das Wochenendseminar "Morbus Bechterew – Basiswissen", in dem Fachleute umfassend über Fragen und Probleme informieren, die auf Sie zukommen können.

 

Ich habe seit zwei Wochen die Diagnose entzündlicher Rückenschmerz. Wie häufig muss ich zu einem Physiotherapeuten?
Eckhardt Böhle: Gerade zu Beginn der Erkrankung ist das Verständnis dafür entscheidend, wie wichtig Bewegung im Alltag und regelmäßige Bewegungstherapie sind. In dieser Phase erlernen Sie das Eigenübungsprogramm, das für Ihre Behandlung zentrale Bedeutung hat. Deshalb sind zu Beginn drei Termine in der Woche die Regel. Später kann die Behandlung auf zwei Termine in der Woche reduziert werden – vorausgesetzt, das Eigenübungsprogramm wird regelmäßig durchgeführt.

 

Welche Sportarten eignen sich bei dieser Art von Rückenschmerzen?
Eckhardt Böhle: Vor allem Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren und Nordic Walking. Sie sollten sich dabei an die so genannte FIT-Regel halten: Das F steht für Frequenz, denn zweimal Sport pro Woche sollten Sie mindestens machen. Das I bedeutet Intensität, denn Sie sollten dabei mindestens einen Puls zwischen 140 und 160 erreichen. Das T schließlich steht für Time, weil ein Training mindestens 20 bis 30 Minuten lang dauern muss, damit es seine Wirkung entfalten kann.

 

Gibt es auch Übungen, die ich zu Hause alleine durchführen kann?
Eckhardt Böhle: Die gibt es und die Vermittlung eines Eigenübungsprogramms durch den Physiotherapeuten ist eine wichtige Säule des Versorgungskonzepts. Indem Sie Ihre Beweglichkeit und die Funktionsfähigkeit des Rückens verbessern, können Sie selbst einen wichtigen Beitrag zur Therapie leisten. Dennoch sollte zusätzlich immer eine verordnete Physiotherapie durchgeführt werden. Nur im Zusammenspiel beider Maßnahmen können Sie dauerhaft die Beweglichkeit verbessern.

 

In welchem Rahmen werden die Kosten der Physiotherapie von den Krankenkassen getragen?
Eckhardt Böhle: Bei der axialen SpA handelt es sich um eine anerkannte Erkrankung, die eine lebenslange, intensive und aktive Bewegungstherapie erfordert. Die Krankenkassen erstatten daher Leistungen im Rahmen der Heilmittelversorgung und hier im Speziellen der Physiotherapie. Versicherte mit Diagnose axiale SpA haben pro Quartal mindestens einen Anspruch auf die Verordnung und Erstattung von bis zu 18 Behandlungen Krankengymnastik im Rahmen der Bewegungstherapie oder als Manuelle Therapie.

 

Wo kann ich mich mit anderen Betroffenen austauschen? Gibt es beispielsweise auch Gymnastikgruppen für Betroffene?
Ludwig Hammel: In Deutschland gibt es mehr als 400 örtliche Gruppen, die wöchentlich mehr als 1.500 Therapiestunden durchführen. Neben der krankheitsgerechten Gymnastik ergibt sich dort automatisch der Austausch mit anderen Betroffenen – und damit die Möglichkeit, wieder ein Stück besser mit „Ihrem“ Bechterew zu leben. Adressen finden Sie unter www.bechterew.de.

 

Expertenrat bei chronischem Rückenschmerz

In meiner Familie gibt es zwei Fälle von Morbus Bechterew – kann die Krankheit vererbt werden? Kann man eine entzündliche Wirbelsäulenkrankheit durch einen Labortest nachweisen? Ich habe einen Bürojob und ständig Schmerzen im Gesäß, die bis in die Oberschenkel ausstrahlen – könnte das entzündlich sein? Ich wache oft am frühen Morgen mit Rückenschmerzen auf, die dann aber tagsüber verschwinden – was steckt dahinter? Wie wird die Entzündung behandelt?

Alle Fragen rund um chronische Rückenschmerzen mit entzündlicher Ursache beantwortet das Expertenteam am Lesertelefon:

 

  • Dr. Xenofon Baraliakos; Facharzt für Innere Medizin, Rheumatologie und Orthopädie; Oberarzt am Rheumazentrum Ruhrgebiet, Herne

  • Dr. Uwe Schwokowski; Facharzt für Orthopädie mit Schwerpunkt Rheumatologie, Leiter der Sektion Orthopädische Rheumatologie im Berufsverband der Orthopäden und Unfallchirurgen (BVOU)

  • Eckhardt Böhle; Physiotherapeut, Generalsekretär des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V.

  • Ludwig Hammel; Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB), Mitglied im Vorstand der Deutschen Rheumastiftung

 

 

 

Hinweis: Dieses Lesertelefon ist Teil der europaweiten Initiative „Der Krankheit aufrecht begegnen“.

Die Partner der Initiative sind:

  • Berufsverband Deutscher Rheumatologen (BDRh)

  • Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB)

  • Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V.

  • Fachverband Rheumatologische Fachassistenz

  • Sektion Orthopädische Rheumatologie des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie

  • AbbVie

     

     

    Quelle: pr.nrw, 15.05.2014



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